Die Minderheitsregierung und der Haushalt: Rot-grüne Schulden-Chronologie 11. Februar 2011 Rot-grüne Schulden-Chronologie
September 2010 NRW-Finanzminister Walter-Borjans (SPD) erklärt, er werde die Neuverschuldung 2010 auf 8,9 Milliarden Euro anheben. Als Begründung für die Verschuldung wird die „Abschlussbilanz“ von Schwarz-Gelb angeführt. Gleichzeitig nennt Walter-Borjans die Schuldenbremse „ein Stück Selbstentmündigung“ (Westfalenpost, 9. September 2010). 15. September 2010 Ministerpräsidentin Kraft in ihrer Regierungserklärung im Landtag: „Wir müssen jetzt den Mut haben, in Vorbeugung, Betreuung und Bildung zu investieren. Wir bekennen uns offen und selbstbewusst dazu, dass dies zunächst höhere Ausgaben und gegebenenfalls zusätzliche Schulden bedeutet.“ „Volle Kraft voraus in die Schulden. Rot-Grün in NRW gibt mehr aus, weil es sich später angeblich auszahlt.“ (Welt, 16. September 2010)
„Mal eben 150 Millionen Euro hier, dann 170 Millionen dort und noch mal 100 Millionen woanders – frei nach dem Motto: Wir haben's ja. Irgendwie kommt einem da der Kölner Schlagersänger Jupp Schmitz (1901-1991) in den Sinn. Der sang 1949 den unvergessenen Karnevalsschlager ‚Wer soll das bezahlen…?’“( Westdeutsche Zeitung, 16. September 2010) 21. September 2010 Das Kabinett beschließt den Nachtragshaushalt mit Rekordneuverschuldung von 8,9 Milliarden Euro. Finanzminister Walter-Borjans: „Damit ziehen wir eine Schlussbilanz der Politik der alten Landesregierung und stellen die Finanzen unseres Landes auf eine ehrliche Basis.“ 04. November 2010 Die Steuerschätzung ergibt Steuermehreinnahmen in Höhe von 900 Millionen Euro gegenüber dem Haushaltsansatz von 2010. Die Minderheitsregierung plant jedoch nicht, mit den Mehreinnahmen die Neuverschuldung zu senken. 16. November 2010 Das Kabinett beschließt, die prognostizierten Steuermehreinnahmen für 2010 vollständig zur Senkung der Neuverschuldung einzusetzen. Die geplante Nettokreditaufnahme im Nachtragshaushalt 2010 des Landes Nordrhein-Westfalen sinkt damit auf 8,4 Milliarden Euro. Dazu Finanzminister Walter-Borjans: „Die Landesregierung hat immer wieder betont, dass sie die Haushaltskonsolidierung ernst nimmt. Wir werden daher Spielräume für geringere Schulden nutzen. Das zeigen wir jetzt beim Nachtragshaushalt 2010, der eine Endabrechnung der früheren Landesregierung darstellt. Den Weg der Haushaltskonsolidierung werden wir beim Etat 2011 fortsetzen.“ 04. Dezember 2010 Frau Kraft im Interview mit der Kölnischen Rundschau zum Thema Sparen: „Erwarten Sie da keine Riesendinge. Wir können etwa im Personalbereich gar nicht so viel bewegen.“ Auf die Nachfrage, ob sie denn überhaupt bereit wäre zu sparen, sagte Kraft: „Natürlich, wir werden beim Etat 2011 die Neuverschuldung senken. Wie weit, kann ich jetzt noch nicht sagen. Das hängt auch von der Entwicklung der Steuereinnahmen ab.“ 05. Dezember 2010 Der Landesrat der NRW-Linkspartei empfiehlt Enthaltung bei Abstimmung über Nachtragshaushalt: „Der zurzeit vorliegende Nachtragshaushalt verletzt nicht die auf dem Landesparteitag am 10./11. Juli 2010 in Leverkusen beschlossenen Kriterien und roten Haltelinien für das parlamentarische Handeln der Landtagsfraktion.“ Damit ist sichergestellt, dass der Nachtragshaushalt im Landtag verabschiedet werden kann. 13. Dezember 2010 Wirtschaftsminister Voigtsberger stellt die Konjunkturprognose des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung vor, demzufolge sich das Wirtschaftswachstum (2010: 3,5 % Wachstum) im Jahr 2011 fortsetzen und die Arbeitslosenquote in NRW auf acht Prozent sinken werde. Gleichzeitig geht die Landesregierung mit dem Nachtragshaushalt weiter davon aus, dass eine „Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ vorliege. Nur zur Abwehr einer solchen Störung darf das Land mehr Schulden aufnehmen als Ausgaben für Investitionen tätigen. 16. Dezember 2010 Der Landtag verabschiedet den Nachtragshaushalt 2010 mit den Stimmen von SPD und Grünen und Teilen der Linken: Die Mehrheit der Abgeordneten der Linken stimmt zu, andere enthalten sich. Walter-Borjans: „Ich habe den Nachtragshaushalt 2010 auf seine Verfassungsmäßigkeit geprüft und gehe daher davon aus, dass er auch vor dem Landesverfassungsgericht Bestand hat.“ 21. Dezember 2010 Das Kabinett beschließt den Haushaltsplanentwurf 2011. Darin plant die Minderheitsregierung für 2011 eine Neuverschuldung in Höhe von 7,8 Milliarden Euro. Der Finanzminister kündigt an, die jährliche pauschale Stellenkürzung von 1,5 Prozent für das Jahr 2011 auszusetzen. Gleichzeitig kündigt Walter-Borjans an, die Neuverschuldung bis 2014 auf 6,6 Milliarden Euro zu senken: „Wir leiten damit eine nachhaltige, stetige Verringerung der Kreditaufnahme ein – mit geringeren Ausgaben und besseren Einnahmen.“ 22. Dezember 2010 Die Fraktionen von CDU und FDP rufen den Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen (VGH) in Münster an, um den Vollzug des Nachtragsetats durch eine einstweilige Anordnung zu stoppen. 23. Dezember 2010 Frau Kraft im Interview mit RTL West auf die Frage, ob sie kein schlechtes Gewissen habe, dass sie jetzt so viel Schulden machen müsse: „Nein. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich sehe, dass das erforderlich ist.“ 04. Januar 2011 Klageerwiderung der Landesregierung: Die Bildung von Rücklagen löse ,,nicht unmittelbar die Notwendigkeit einer Kreditaufnahme in entsprechender Höhe“ aus; hinsichtlich der Sondervermögen werde eine Kreditaufnahme erst ,,im Rahmen des Kassenabschlusses notwendig“. 12. Januar 2011 Der NRW-Verfassungsgerichtshof regt an, von der im Nachtragshaushaltgesetz vorgesehenen Kreditaufnahme zur Deckung von Zuführungen an Rücklagen und Sondervermögen bis zur Entscheidung des Gerichts abzusehen. Das Finanzministerium teilt mit, „wie zuvor angekündigt“, den Nachtragshaushalt „ordnungsgemäß, im üblichen Verfahren, bis zum Ende des Haushaltsjahres vollzogen“ zu haben. Dazu sei die Landesregierung nach Verabschiedung des Gesetzes berechtigt und verpflichtet. Dazu gehöre auch die Zuführung zu Sondervermögen und Rücklagen. 13. Januar 2011 VGH-Präsident Bertrams fordert die Landesregierung auf, bis zum 17. Januar darzulegen, ob sie auf der Basis des Nachtragshaushalts schon Kredite aufgenommen hat und wenn ja, welche. Alle nötigen Unterlagen und Nachweise seien beizufügen. 14. Januar 2011 Schreiben des Finanzministers an den VGH, Inhalt u. a.: „Ob Haushaltskredite notwendig werden, entscheidet sich erst im Rahmen des Haushaltsabschlusses.“ 17. Januar 2011 Schreiben des Prozessbevollmächtigten der Landesregierung an den VGH, Inhalt u. a.: „Nach den noch nicht ganz abgeschlossenen Berechnungen zum Haushaltsabschluss 2010 wird aber schon jetzt erkennbar, dass – gemessen an den bisherigen Erwartungen – Minderausgaben und Mehreinnahmen realisiert worden sind, die annähernd in die Größenordnung der Zuführungen zu den Sondervermögen gehen.“ (Die Zuführung zu den Sondervermögen erfolgt in Höhe von 1.300 + 94 Millionen Euro = rund 1,4 Milliarde Euro) 18. Januar 2011 Der nordrhein-westfälische Verfassungsgerichtshof untersagt per einstweiliger Anordnung, weitere Kredite für den Vollzug des Haushalts 2010 aufzunehmen. Zusätzlich ordnet er an, von einem Abschluss der Kassenbücher für das Haushaltsjahr 2010 abzusehen. Frau Kraft im Interview im WDR5 Westblick: „Ich halte diesen Ansatz [der präventiven Haushaltspolitik] ehrlich gesagt für alternativlos.“ 19. Januar 2011 Ministerpräsidentin Kraft in der Plenardebatte zur Entscheidung des VGH: Darin „spiegelt sich unsere Politik, unser Ansatz, der auf Prävention und Vorbeugung, auf Familie, Kinder und Bildung setzt, wider. Das ist der richtige Weg für Nordrhein-Westfalen, und daran werden wir nachhaltig festhalten, meine Damen und Herren – nachhaltig festhalten!“ In einer Pressekonferenz bezeichnet Norbert Röttgen die Landesregierung als „angeschlagen“ und in ihrem Kern, nämlich dem Anspruch, durch Verschuldung Zukunftspolitik zu machen, getroffen: „Das ist eine Versündigung an der nächsten Generation aus parteipolitischem Machtstreben heraus.“ 20. Januar 2011 Plenardebatte: Die CDU-Landtagsfraktion bringt erneut einen Gesetzentwurf zur Einführung einer Schuldenbremse in die Landesverfassung ein. Der Fraktionsvorsitzende Laumann lädt die Fraktionen von SPD, Grünen und FDP zur Diskussion ein. 24. Januar 2011 Walter-Borjans kündigt an, die Einbringung des Haushalts 2011 in den Landtag zu verschieben: „Die Landesregierung wird den Haushaltsentwurf 2011 erst nach der mündlichen Verhandlung der Klage zur Verfassungsmäßigkeit des Nachtragshaushalts 2010 in den Landtag einbringen. Die Etatplanung für das Jahr 2011 wird damit voraussichtlich in der Plenarwoche vom 23. bis 25. Februar 2011 vorgelegt. „Wir haben uns aus Respekt vor dem Verfassungsgericht und den Antragstellern der Verfassungsklage zu diesem Schritt entschlossen“, sagte Finanzminister Norbert Walter-Borjans.“ Hessen, Baden-Württemberg und Bayern fordern eine Neuregelung des Länderfinanzausgleichs, drohen auch mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Frau Kraft: „Der Länderfinanzausgleich ist keine Einbahnstraße. NRW ist seit 2008 auf der Grenze zwischen Geber- und Nehmerland. Das hat aber nichts mit den Ausgaben, sondern nur mit Einnahmen zu tun. Die fallen wegen wirtschaftlicher, geografischer und regionaler Besonderheiten je nach Land unterschiedlich hoch aus. Die Unterschiede werden über den Länderfinanzausgleich abgemildert. Deshalb läuft der Vorwurf der Südländer ins Leere, Nordrhein-Westfalen gebe zu viel Geld für Bildung aus. Denn Bildungsinvestitionen steigern mittelfristig unsere Wirtschaftskraft, wenn mehr junge Menschen besser qualifizierte Beschäftigung finden können. Damit erhöht sich auch die Chance, wieder Geberland zu werden.“
25. Januar 2011 Walter-Borjans „findet“ 1,3 Milliarden Euro, Pressemitteilung des Finanzministeriums: „Geringere Ausgaben und höhere Steuereinnahmen verbessern die Haushaltslage des Landes Nordrhein-Westfalen und verringern nach vorläufigen Rechnungsergebnissen den Kreditbedarf für 2010 um mehr als 1,3 Milliarden Euro.“ Norbert Röttgen sagt, der Finanzminister sei „peinlich” und fordertFrau Kraft auf, ihn „unverzüglich” zu entlassen. Karl-Josef Laumann erklärt: Walter-Borjans „will bis vor wenigen Tagen noch nicht gewusst haben, dass er für 2010 Haushaltsverbesserungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro hat. – Ein Finanzminister, der eintausenddreihundertmillionen Euro plötzlich entdeckt, wäre einmalig. Ich glaube nicht, dass es einen solchen Finanzminister gibt. […] Walter-Borjans kann es nicht, er muss weg!“ 27. Januar 2011 Im Haushalts- und Finanzausschuss beantwortet Walter-Borjans die Frage, wann er von der verbesserten Haushaltslage erfahren hat, nicht. Die CDU-Fraktion beantragt eine Sondersitzung des Haushalts- und Finanzausschusses und legt einen Katalog mit 46 Fragen vor. 02. Februar 2011 Zur Sondersitzung des Haushalts- und Finanzausschusses räumt Walter-Borjans über eine Pressemitteilung ein: „Ich wurde am 13. Januar telefonisch über die vorläufige Haushaltsverbesserung unterrichtet”. Eine Verpflichtung zur unverzüglichen Unterrichtung des Landtags habe sich daraus aber nicht abgeleitet. Warum er den Landtag nicht schon in der Sitzung vom 19. Januar unterrichtete: Er sei „nicht zu ständigen Wasserstandsmeldungen verpflichtet“, so Walter-Borjans. Karl-Josef Laumann: „Sie mögen juristisch recht haben, politisch war das eine große Dummheit“. Armin Laschet: „Das Beste für unser Land wäre, Frau Kraft, wenn Sie den Finanzminister noch heute entlassen würden“. Christian Weisbrich, haushalts- und finanzpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion: „Auch Schweigen kann eine Lüge sein”. Ministerpräsidentin Kraft im Landtag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Haushaltszahlen, die am 20. Januar automatisch an das Bundesfinanzministerium gemeldet wurden: „Das politische Risiko, dass Sie über Berlin gespielt dann damit rausgehen, dass wir dem Verfassungsgericht und dem Parlament diese groben Haushaltsverbesserungen schuldig geblieben sind, dieses Risiko waren wir nicht bereit einzugehen.“ 03. Februar 2011 Die BILD-Zeitung bezeichnet Norbert Walter-Borjans als „Lügen-Minister“ und zeigt ihn in einer Foto-Montage mit Pinocchio-Nase |